

Marlene Brühl hat das Dorf Billberge in der Altmark entdeckt und ist dabei, es neu zu erfinden. © Jonas Ludwig Walter für DIE ZEIT
Es war einer dieser perfekten Tage
Eine Frau verkauft ihre Wohnung in Prenzlauer Berg und kauft stattdessen ein Dorf an der Elbe, in Sachsen-Anhalt. Warum das? Was mag sie für ein Mensch sein?
Von Elisabeth von Thadden
Aus der ZEIT Nr. 15/2026 vom 31. März 2026
Kann losgehen. Baurecht ist geklärt. Wasserrecht: auch. Einen Brunnen gibt es bereits. Der Bürgermeister unterstützt die Idee, ein Dorf neu zu erfinden, mit allem, was die Lokalpolitik aufbieten kann, hier in der Altmark, im Dorf Billberge, Sachsen-Anhalt übrigens, am Elberadweg. Durch die Aue am Ufer des Flusses traben gerade gemächlich ein paar Pferde ins Bild, Kinder laufen mit dampfenden Waffeln durch den Park. Das ist nicht die inszenierte Choreografie eines Lifestyle-Idyllen-Bioprodukts, um Städter zu triggern. Sondern echt.
“Ich bin Marlene. Ich bin die Verrückte, die Billberge entdeckt hat”, sagt an diesem Samstagmittag eine zierliche Person von stilsicherer Haltung und Eleganz zu ihren Gästen, das ist Marlene Brühl, denkbar unverrückt. Ein kaum noch hörbarer Pariser Akzent klingt in ihrem reinen Deutsch an. Nur das Wort “Gewächshaus” fällt ihr an diesem langen Tag nicht augenblicks ein. Sie ist gebürtige Polin, dann Französin geworden, und Deutsche ist sie wegen familiärer Wurzeln, mit Stationen in Kanada, Paris, Wien, China, Berlin.
Das weiß man hier schon, denn die Mitteldeutsche Zeitung und die Volksstimme, auch der Deutschlandfunk haben bereits hellhörig über diese europäische Figur berichtet, die seit Jahren in der Region den Industrie- und Gewerbepark Altmark bei Stendal geschäftsführend leitet. Ein kanadischer Investor, Holzverarbeitung, das modernste Zellstoffwerk Europas, Energieerzeugung, eine Biomethan-Raffinerie. 740 Hektar Land insgesamt.
Und nun das. Schon interessant, Gesprächsstoff: Diese Marlene Brühl hat ihre Eigentumswohnung in Prenzlauer Berg in Berlin verkauft und hat für dieses Geld das Dorf Billberge erworben. Es war seit 2018 verlassen, nach Jahrzehnten der Nutzung durch ein christliches Jugendwerk, das hier benachteiligten Jugendlichen eine Lehre ermöglicht hat, die Werkstätten stehen nun ungenutzt da. Nur wenige Menschen sind geblieben. Das passt ins Bild: “Insgesamt ist der Wohnungsmarkt in Sachsen-Anhalt durch eine hohe Leerstandsquote gekennzeichnet. Laut dem Zensus 2022 weist Sachsen-Anhalt mit 8,9 Prozent die höchste Leerstandsquote im bundesweiten Vergleich auf. Wohnungsleerstand stellt insbesondere für ländliche Räume eine Herausforderung dar.” So lautet die Auskunft der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage im Landtag, frischere Daten gibt es nicht.
Dieses Dorf aber soll nicht leer stehen. Sie hat, sagt Marlene Brühl bei einem Kaffee, das alte Billberge des 18. und 19. Jahrhunderts vor Augen, Kopfsteinpflaster, Kapelle, Gutshaus. Im 16. Jahrhundert wurde hier Wein angebaut. In den 1920er-Jahren hat man nach Öl gebohrt, vergeblich. Wechselnde Eigentümer, adlige Namen und bürgerliche, zuletzt Staat und Kirche.
Nun will Brühl den Ort zu neuem Leben erwecken. Als Dorfgemeinschaft des 21. Jahrhunderts, mit schnellem Glasfaser-Internet, das läuft schon. Sie sagt, in der Altmark gehe sonst alles langsam, aber diese Region habe etwas von der Liberalität des alten Preußens bewahrt, wo jeder nach seiner Fasson selig werden sollte, und hier kooperiere man.
Auf Instagram hat die Kreativindustrie Sachsen-Anhalt einen Kennenlerntag in Billberge angezeigt, im Gästehaus des alten Gutshauses ist deshalb eine Gruppe von interessierten Leuten zusammengekommen, angereist aus Heilbronn, Bremen, Esslingen und so weiter, es geht nämlich darum, wer Billberge künftig bevölkern will. Der MDR hat ein Filmteam geschickt, die Redakteurin hat hier selbst einst eine Lehre gemacht, in Zootechnik, wie das hieß, sie hat Brühls Billberge als Erste bekannt gemacht, seither spricht sich die Sache mit dem wach geküssten Dorf rum.
Der Raum füllt sich: Ein agiler Kleinunternehmer aus der Region ist dabei, der bastelt gebrauchte Vans und Wohnmobile innenarchitektonisch neu zusammen, eine Architektin vom Büro Institut für unschädliche oder unerschütterliche Baukunst (Ifub) ist zugegen, München, Berlin. Und der Chef von vielleben, einer Genossenschaft, die viel Erfahrung mit der Reanimation von aussterbenden Dörfern hat, ebenfalls München, jetzt will er Anteile und Nutzungsrechte an Billberge vergeben. Er sagt der versammelten Runde: “Mit Marlene kann es funktionieren. Wir brauchen Menschen, die ins Niemandsland ziehen wollen, und Menschen, die es sich wirtschaftlich leisten können zu warten, weil sie nicht hier sind, um Geld zu verdienen. Menschen wie Marlene.”

Der alte Speicherturm in Billberge © Jonas Ludwig Walter für DIE ZEIT
Die Neuerfindung von Billberge, sagt er, werde im Vergleich mit seinen anderen langjährigen Projekten, etwa einem wiederbelebten Dorf in der Toskana, einem anderen in Brandenburg, ein “Spaziergang” werden: “Hier können wir abschnittsweise loslegen und je nach Zuwachs weitermachen.” Keine Eile. Nur anfangen muss man jetzt.
Investorin. Genossenschaft. Gutshaus. Krakau, Paris, Wien. Das sind soziale Welten, die traditionell weit entfernt voneinander sind, bisschen Neofeudalismus, bisschen Sozialismus, altmittelneueuropäisch. Auf dem Dorf. Wie geht das ausgerechnet in Billberge zusammen? Wer ist “Marlene”?
Die Unternehmerin sitzt jetzt in einer ruhigen Ecke in einem zugigen Seitentrakt des Gebäudes mit einem Teller Kartoffelsalat auf den Knien, sie zieht ihren Schal enger um den Körper, Hunger hat sie offenbar nicht, den köstlichen Kartoffelsalat wird sie fast unangerührt lassen. Zur Sache. In diesem neudörflichen Multiversum ist einiges zu erklären.
Denn Billberge liegt nicht nur mitten in Europa, auf der Achse zwischen Paris und Warschau, die dieser Dorfbesitzerin wichtig ist, sondern es liegt auch mitten in einer unübersichtlichen Zeit, in der neu buchstabiert wird, was ein Wert ist, der trägt, und welche Worte zur Wirklichkeit passen. Viele suchen nach einer irgendwie sinnvollen, irgendwie bezahlbaren Lebensform in irgendeiner Art von Sicherheit, und das ist die List der Geschichte: Einer historisch beispiellosen Summe von privatem Geld geht es nicht anders, auch das Geld ist auf der Suche nach Sinn, Sicherheit, Schutz.
Investorin also? “Das Wort Investor kann ich nicht mehr hören”, Marlene Brühl kann auch kurz angebunden klingen. “Diese fixe Idee, dass einer nur Geld in etwas steckt, um das Geld zu vervielfältigen und abzuschleppen. Ich habe nie geglaubt, dass Geld glücklich macht. Meins habe ich in Billberge gesteckt. Nun ist es aufgebraucht. Mehr ist nicht da.” Pause. “Letztlich kann einen doch immer nur eine Aufgabe glücklich machen.”
Das Billberge-Projekt entzieht sich den Sortierungen, die bequemerweise in rechts und links unterscheiden. Es ist ein Versuch mit der Wirklichkeit, ein Versuch mit dem guten Leben: demokratischer Experimentalismus, wie ihn der Philosoph John Dewey in Zeiten des Übergangs für notwendig hielt.
“Genossenschaft links, Heuschrecke kapitalistisch, Gutsherrin neofeudal, zu solchen Begriffen passt die Realität doch nicht mehr.” Marlene Brühl macht die Erfahrung, dass Großstadtmenschen ein verkehrtes Bild von dem haben, was auf dem Land vor sich geht. Beispiel: Sie selbst arbeite hier wunderbar effizient mit den Behörden zusammen, dem Landrat, dem Kreistag in Stendal, dem Bürgermeister von Tangermünde, parteilos, diese Leute wollten hartnäckig das Beste für die Region, sie trieben Fördermittel auf, kümmerten sich, aber wann sei denn von solcher Erfahrung mal in der Öffentlichkeit zu hören?
Billberge also: Es gab keinen festen Plan. “Ich fange immer etwas an und weiß nicht, wie es endet.” Wenn ein Versuch scheitert, sagt sie, war er es dennoch wert. Ihre eigene Geschichte begann mit Napoleon. So hieß ihr Pferd, das sie vor langer Zeit in Billberge in den Stall des Reitvereins gestellt hat. Hätte man sie damals gefragt, ob sie hier irgendetwas kaufen wolle, hätte sie nur verwundert den Kopf geschüttelt. Warum denn kaufen?
Aber dann ist Billberge ab 2018 stetig mehr bei ihr angespült, ein wenig elbwasserähnlich. Das christliche Jugendwerk kündigte, das Dorf stand bald zum Verkauf, und plötzlich habe Corona bei den Leuten unbekannte Mengen an Zeit freigesetzt, auch bei ihr selbst, man kam ins Gespräch. Redete.
Und redete. Plötzlich habe sie gemerkt, dass mit der Pandemie die Epoche des Individualismus und des Rennens im Hamsterrad an ihre Grenzen gestoßen war, plötzlich – “es war einer dieser perfekten Tage” – hatte sie im Sommer 2020 die Idee, Billberge könne ein modernes Dorf werden, freundlich, ideologiefrei, digital. Keine Retro-Idylle, sondern Clusterwohnen, temporär oder dauerhaft, Co-Crafting, gemeinsame Räume. Sanierte Altbauten, neue kleine Holzhäuser, Gästezimmer.

Das Gut Billberge in der Altmark © Jonas Ludwig Walter für DIE ZEIT
Die Idee eines modernen Dorfs hat sie dann dem Kreistag in Stendal vorgelegt, der zu entscheiden hatte, welcher der Kaufinteressenten den Zuschlag bekommen sollte, es waren mehrere andere im Spiel. Wer? Nicht wichtig, sagt sie, man entschied sich jedenfalls am Ende einstimmig für sie, einschließlich der Stimmen der AfD. Pause. Eine Gabel Kartoffelsalat. Fast vergisst man, dass hier ja Sachsen-Anhalt ist, nahende Landtagswahlen, die AfD steht kurz vor der parlamentarischen Mehrheit. Was macht das aus, wenn man ein altes Dorf neu erbauen will, Frau Brühl? “Ich denke die Sache andersherum: Vielleicht löst man das Problem, indem man ein Dorf neu entstehen lässt.” Das Grundgesetz reicht ihr als Brandmauer.
Brühl ist ein politischer Mensch, Variante pragmatisch. Von klein auf hat sie versucht zu begreifen, wie der Nationalsozialismus möglich wurde. Jede Ideologie, sie wiederholt es, ist ihr fremd, man fragt sie zweifellos oft nach der AfD. Jegliche Menschenverachtung ist für sie: inakzeptabel. Extremismus: dito. “Übrigens auch von links. Ich bin im polnischen Kommunismus geboren.”
Die Antwort der heute 52-Jährigen auf die Extreme lautet ausdrücklich: Europa, Europa, Europa. Mit den Kernländern Frankreich, Deutschland, Polen. “Als ich als Kind mit meinen Eltern nach Kanada ging, in dieses Land traumhafter wilder Natur, habe ich gemerkt, wie sehr ich Europa vermisse.
Seine Städte. Seine Dörfer. Seine feine kulturelle Kleinteiligkeit. Seine Sprachen. Seine Stärke.” In Paris hat sie Abitur gemacht, dann studiert, bis sie zufällig ein Angebot bekam, “eins von denen, die man nicht ablehnen kann”. So ist sie in der Finanzwelt gelandet. Venture-Capital. Sie merkte: Die Wirtschaftswelt ist eine Sphäre menschlicher Kooperation. Sehr spannend. Sehr nützlich.
Ökonomisch stellt sich die Lage für diese Frau seither einfach dar: Eine Region muss wirtschaftlich florieren, wenn man die nächste Generation nicht ohne Arbeit und Sozialstaat im Regen stehen lassen will. Und das will sie nicht. In der Altmark herrscht Ärztemangel, es fehlen Facharbeiter, es fehlt Handwerk, es fehlen Kinder. Dabei hätten es Kinder hier gut. “Jeder Hund soll täglich zwei Stunden draußen sein: artgerecht. Nur bei Kindern meint man, sie könnten rund um die Uhr in Etagenwohnungen oder Schulzimmern ausharren.”
Draußen: rennt jetzt Brühls Tochter mit einem Stapel Waffeln vorbei. Noch geht sie in der Großstadt zur Schule. Billberge hat Platz. Leeres Land kann ein Spielraum werden. “Zwei Familien von Ärzten oder Handwerkern könnten leicht im Gutshaus wohnen, es soll für alle da sein.” Man müsste einander nur finden. Und Geld in das Experiment werfen.
So kam es Marlene Brühl gelegen, als die Genossenschaft vielleben vor zwei Jahren beim Suchen und Finden zu helfen begann. Inzwischen ist “Gutleben Billberge – ein Werkdorf an der Elbe” zu einem Projekt dieser Genossenschaft geworden, man kann also Miteigentümer des Dorfes werden, kann eine der Wohneinheiten beziehen, lebenslang, und das Wohnrecht wäre vererbbar.
Wie hat das der Gemeinderat denn gefunden, als plötzlich diese Genossenschaft mit der neuen Dorfbesitzerin vertragseinig werden wollte? Kein Misstrauen, ausgebootet zu werden? “Der Bürgermeister hat uns sorgfältig auf unsere Gesinnung geprüft”, sagt vielleben-Chef Patric Meier, “auch um sicher zu sein, dass wir nicht Reichsbürger sind oder andere Rechtsextreme.” Es ist bekannt, dass die sich Grund und Boden sichern, um ihrerseits Dörfer zu gründen. Land ist knapp. Auch vielleben eG sehe genau hin, sagt Meier, wer sich mit seinem Geld in das Land einkaufe. Extremismus: Das ist die Grenze.
An diesem Tag in Billberge ist es klar die liberale Generation 60 plus, zahlungsfähig, die den Raum bevölkert, und mehrheitlich ist sie weiblich. Getrennt, alleinerziehend, mit Hund, dieses Dorf verspricht ein gutes Leben beim gemeinsamen Altern. Freundlichkeit liegt im Raum. Es sei inzwischen doch immer so, sagt eine Großmutter aus Essen ganz grundgelassen: Die Alten gäben das Geld und machten den Anfang, die Jungen zögen dann nach. Nur Geduld. So ein Dorf, weiß sie aus Erfahrung, sie hat ein Projekt auf La Palma gegründet, könne sich leicht innerhalb von ein paar Jahren beleben. Die Erste, die verbindlich nach Billberge ziehen wird, ist 51 und will Pflegekinder aufnehmen. Inzwischen haben drei Entschlossene schon unterschrieben.

Marlene Brühl am Billberger Elbufer © Jonas Ludwig Walter für DIE ZEIT
Um das Dorf herum schwirren gegenwärtig ein paar Hundert Interessenten, Familien mit kleinen Kindern darunter. Es könnte losgehen in Billberge. Müsste auch. Ewig kann selbst ein altes Dorf in der Altmark nicht warten.